Montag, 15. Juni 1998

Anpacken statt Faust im Sack

An der Generalversammlung der CVP des Bezirks Meilen vom 26. Mai in Herrliberg dankte Parteipräsident Rolf Eberli allen Behördenmitgliedern, besonders jenen, die nach langjährigem Einsatz zurückgetreten waren. Einer von ihnen ist Claude Ruedin, der im letzten Jahr nach 20 Jahren aus dem Bezirksrat zurückgetreten war. Daniel Süss und Rolf Eberli führten nach der GV mit Claude Ruedin ein Gespräch.

Claude Ruedin wuchs im Zürcher Kreis 7 in einer Familie auf, in der wirtschaftliche und politische Fragen intensiv diskutiert wurden und Einfluss und Macht mit einer starken Verpflichtung zu Verantwortung verbunden waren. Der Weg in die Politik begann bei ihm, als Prof. Gion Condrau (Herrliberg) ihn in eine Kommission der CVP des Kantons Zürich berief, die gesellschaftspolitische Ziele erarbeitete. 1977 zog die Familie nach Männedorf. Im gleichen Jahr wurde ein Nachfolger für Dr. Robert Jörger in den Bezirksrat gesucht, nachdem dieser in Erlenbach zum Gemeindepräsidenten gewählt worden war.
Der Schwerpunkt des neuen Bezirksrats sollte in der Baurekurskommission liegen. Also suchte man jemanden vom Baufach, der sich im Baurecht auskennt und auch in der Lage war, einen Antrag schriftlich zu begründen. Diese Kriterien erfüllte der junge Claude Ruedin, der am Technikum Winterthur Architektur studiert hatte, als Assistent an der ETH tätig war und sich in Städtebau, Raumplanung und Soziologie weitergebildet hatte. Zudem arbeitete er in einem renommierten Zürcher Planungsbüro.
Während 20 Jahren prägte Ruedin die Beschlüsse der Baurekurskommission mit. Kein Stammtischhöckler und Sprücheklopfer, wurde er von manchen als eher kühl und zurückhaltend erlebt, aber als engagierter Verfechter von fairen Lösungen geschätzt. Seine Sicht der Aufgabe war nicht, möglichst schnell möglichst viele Entscheide abzuwickeln, sondern Streitigkeiten unter Nachbarn so zu regeln, dass diese nachher noch gut miteinander leben können. «Ein Haus bauen heisst, sich eine Heimat erreichten, wo man geborgen ist». erklärt Ruedin. «Alles ist vernetzt. Man muss für das soziale und natürliche Umfeld sensibel sein.»
Es ging ihm nicht einfach um Rechtsprechung, sondern um das Finden von Interpretationen, ohne dass es Verlierer gibt. Wenn allerdings jemand bewusst dort baute, wo er nicht durfte und dann alle Rechtsmittel ausschöpfte, um es vielleicht doch durchsetzen zu können, dann war Ruedin hartnäckig in de Anwendung des Gesetzes.
Er brachte seine beruflichen Kenntnisse in sein Amt ein, achtete aber immer streng darauf, berufliche Projekte und Behördentätigkeit zu trennen. Er nahm bewusst nur in Regionen Planungsaufträge oder Gemeindeberatungen an, in denen er nicht als Mitglied der Baurekurskommission wirkte. Auch heute ist er noch politisch aktiv als vom Bundesrat gewähltes Mitglied der Eidgenössischen Schätzungskommission 9 in der Innerschweiz.
Im politisch rechten Lager sieht der CVP-Politiker immer mehr «Haben-Menschen» und blinde Marktorientierung, während er bei den Linken einseitige Staatsgläubigkeit und fehlende Eigenverantwortung kritisiert. «Ganzheitliches Politisieren findet für mich dort statt, wo Menschen eine verantwortliche Beziehung zu anderen Menschen, Tieren, Pflanzen und zum Boden haben, auf dem sie leben», erklärte er im Interview seine persönliche Position.
(15. Juni 1998)

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